Geschichte der EIC und
ihre Herrschaft in Indien
Britische und Niederländische
Kaufmannsgesellschaften bürgerlichen Ursprungs sorgten gegen Ende des 16.
Jahrhunderts dafür, daß die beiden alten Kolonialmächte Spanien und Portugal
immer bedeutungsloser wurden. Die im Vertrag von Tordesillas (1494) festgelegte
Aufteilung der Welt konnten die Spanier und Portugiesen nicht mehr in Anspruch
nehmen. Die beiden bedeutendsten Handelsgesellschaften waren die britische East
India Company (EIC) und die niederländische Vereenigde Oostindische
Compagnie (VOC).
Gründung
Am 31.12.1600 verlieh
die britische Königin Elisabeth I. 218 Londoner Kaufmännern und Rittern die
Gründungsurkunde zur Gründung einer Handelsgesellschaft. Sofort bekamen sie
königliche Privilegien zugeschrieben: das Monopol für den Handel Englands mit
Ostindien, Zollfreiheit für vier Jahre und die Erlaubnis, auf jeder Reise
30.000 Pfund Edelmetalle ausführen zu dürfen. Die Gesellschaft hatte
verschiedene Namen, aber in der Geschichte hat sich der Name nach ihrem
Handelsgebiet East India Company manifestiert. Die Ziele der
neugegründeten Handelsgesellschaft waren die Ausschaltung der Konkurrenz, die
hauptsächlich Niederländisch war, und das noch bestehende Preismonopol der
alten Kolonialmacht Portugal zu kippen. Da jede Reise einzeln abgerechnet und
finanziert wurde, schaffte die EIC es nicht, den Vorsprung der Niederländer zu
verringern. 1657 wurde die EIC dann aber in eine Handelsgesellschaft mit festem
Grundkapital und regelmäßiger Dividendenausschüttung umgewandelt und war damit
der ausländischen Konkurrenz gewachsen. Da der König aber auch anderen
englischen Handelsgesellschaften Privilegien gewährte, war auch ein nationaler
Konkurrenzkampf vorhanden.
Struktur Die EIC hatte sich mit ihrem
Hauptrivalen zusammengeschlossen hatte. An der Spitze der EIC stand ein
wöchentlich tagendes 24 - köpfiges Direktorium. Aus den 24 Mitgliedern wurde
ein Vorsitzender und sein Stellvertreter bestimmt. Dieser Vorstand wurde von
einer Art Aufsichtsrat der Gesellschafter gewählt und kontrolliert. Die
Grundlinien der Geschäftspolitik wurden ebenfalls durch das Gremium der
Aktionäre bestimmt. Solange die Geschäftsergebnisse zufriedenstellend waren,
konnten die Direktoren tun und lassen, was sie wollten.
Gewinne Zwischen 1661 und 1691 betrug die
Dividende, die jedem Aktionär zustand, 22 % auf den Nominalwert ihres
Aktienkapitals pro Jahr. Der Kurswert stieg zeitweise sogar um 300 %. Jedoch
fiel die Dividende im 18. Jahrhundert auf 8 - 10 % pro Jahr.
Stützpunkte
Im Gegensatz zu den
spanischen Eroberern zogen es die Briten vor, mit den indischen Herrschern
Abkommen zu treffen, die ihnen erlaubten, Handelsstützpunkte und Faktoreien an
günstigen Küstenplätzen zu errichten. In den ersten Jahrzehnten waren sie nicht
an territorialen Eroberungen interessiert. Als durch die stetige Auflösung des
Mogulreichs die Lebensbedingungen der Angestellten der EIC immer unsicherer und
schlechter wurden, begann man mit der Errichtung von Stützpunkten, die durch
Forts gesichert waren. Die wichtigsten Schnittpunkte der Handelsstraßen wurden
als Stützpunkte gesichert. Deshalb konnte die indische Infrastruktur kostenlos
genutzt werden. Ab dem Jahre 1717 stand das Imperium der EIC auf 3 Säulen : Die
befestigte Niederlassung in Bombay war die erste der 3 Säulen. Von hier aus
wurden die Faktoreien an der Malabar - Küste im Westen und in Surat
kontrolliert. Die zweite Säule war Madras an der Koromandelküste im Osten, von
wo aus der dortige Handelsverkehr überwacht wurde. Die dritte Säule war das
damals gegründeten Kalkutta, das in der wirtschaftlich bedeutendsten Region
Indiens (Bengalen) lag. Den Briten wurde die Errichtung eines Forts bei Kalkutta
(Fort William) von dem Großmogul Aurangzeb gestattet. Außerdem erlaubte er
ihnen, in drei benachbarten Dörfern Steuern einzutreiben. Dafür zahlten die
Briten eine jährliche Abgabe an den Großmogul.
Konflikte
Nach Ausbruch des 7 -
jährigen Krieges (1756 - 1763) verlagerte sich der Konflikt zwischen England
und Frankreich auch nach Indien. Der Nabob, der Herrscher über Bengalen, sah
jetzt die Chance, den Konflikt der Europäer zu nutzen und ganz Bengalen unter
seine Kontrolle zu bringen. Nachdem der Nabob Fort William angegriffen und die
Hauptniederlassung von Kalkutta besetzt hatte, verbündete sich Robert Clive,
ein 31 - jähriger Hauptmann der EIC, mit den indischen Gegnern des Nabob. Den
800 britischen Soldaten und den 2000 indischen Helfern stand die 50.000 Mann
starke Armee des Nabob entgegen. Trotzdem gelang es ihnen, das Heer des Nabob
in die Flucht zu schlagen. Bei der Schlacht von Baksar 1764 fiel der EIC sogar
der Großmogul in die Hände. Sie ließen ihn aber als "Mogul von der
Kompanie Gnaden" weiterregieren. Von dem Mogul erhielt die EIC Bengalen
mit dem Recht auf Steuererhebung zum Lehen. Mit Bengalen hatten sie jetzt das
wirtschaftlich wichtigste Gebiet Indiens in ihrem Besitz. Durch die Erhöhung
der Grundsteuer und die Monopolisierung bestimmter Güter wie z.B. Salz
erwirtschaftete die EIC 38 Millionen Pfund, und machte die Bengalen, die ehemals
reichste Region Indiens, in wenigen Jahrzehnten zu einem der ärmsten Gebiete.
Finanzen
Die führenden
Kompanieangestellten in Bengalen waren steinreich, aber die hohen Kosten der
Kriegsführung, Absatzprobleme indischer Waren in England und ein Bankenkrach
sorgten bei der Londoner Muttergesellschaft für eine schwere Finanzkrise. Der
EIC wurde von der britischen Regierung mit einem Kredit geholfen, jedoch bestand
die Regierung auch auf schärferer
Kontrolle
staatlicher Aufsicht und
Beschränkung der Dividendenhöhe ("Regulating Act" 1773). 1784 wurde
dann auch die staatliche Kontrolle erheblich verschärft. Ein Ausschuß
königlicher Kommissare wurde durch die "India Act" eingesetzt. Der
Ausschuß verfügte in politischen und militärischen Angelegenheiten über ein
Kontroll- und Weisungsrecht gegenüber den Beamten der EIC in Indien. Aus diesem
Ausschuß resultierte später die "Board of Control", dessen Vorsitzender
den Rang eines Staatssekretärs besaß. Der Handelsgesellschaft blieben nur noch
die Handelsrechte und das Recht der Mitsprache bei der Stellenbesetzung. Dieser
relativ uneigennützige Ausschuß blieb bis zur vollen Regierungsübernahme der
britischen Krone in Indien 1858 bestehen.
Handelspolitik Als gegen 1620 in England die
Handelskrise mit ihren weitreichenden Folgenausbrach, wurde die EIC wegen ihrer
Edelmetallausfuhr heftiger Kritik ausgesetzt. Die Merkantilisten prophezeiten,
daß ein Land nicht reich werden könne, wenn es ständig große Mengen von
Edelmetallen exportiere. Thomas Mun, einer der Direktoren der EIC, hatte in
mehreren Grundsatzschriften gegenüber dem Parlament die Handelspolitik seiner
Gesellschaft verteidigt und dabei neue wirtschaftstheoretische Gedanken
verbreitet. Mit seinen Argumenten überzeugte er das Parlament davon, daß der
Abfluß von Edelmetall nach Indien sich nicht negativ auf die englische
Handelsbilanz auswirken werde. Nach seiner Meinung werde sogar durch den Re -
Export der aus Indien eingeführten hochwertigen Waren in andere Länder mehr
Geld ins Land kommen als abfließen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts machten
Textilien aus qualitativ hochwertigen indischen Stoffen zwischen 60 und 80 %
aller Importwaren der EIC aus. Die EIC nutze den immer größer werdenden
gesamteuropäischen Bedarf an indischen Textilien und re - exportierte die Waren
in die anderen Länder auf dem europäischen Kontinent. Anfang des 18.
Jahrhunderts gewann der Tee als Importware immer mehr an Bedeutung. Ab 1770
überstieg der Wert des Teeimports sogar den des Textilimports. In Verbindung
mit Zucker, der aus Westindien importiert wurde, sorgte der Tee für eine
Veränderung der Trinkgewohnheiten der englischen Bevölkerung. Der Tee kam aus
China über Kanton nach England, von wo aus er in die anderen europäischen
Länder und in die amerikanischen Kolonien exportiert wurde. Von dem Handel
Englands mit Indien profitierte der gesamte Welthandel. Sogar bestimmte
Wirtschaftsbereiche Indiens wie z.B. das Textilgewerbe zogen ihren Nutzen aus
dem Handel mit England.
Expansionspolitik
Nach 1764 war die EIC so
weit, daß sie aus Kostengründen von weiteren koloniale Eroberungen absehen
wollte. Der zunehmende englisch - französische Gegensatz und die wachsende
staatliche Anarchie in Indien brachte jedoch Ende des 18. Jahrhunderts und zu
Beginn des 19. Jahrhunderts die Gesellschaft dazu, ihre Expansionspolitik
wieder aufzunehmen. Durch früher abgeschlossene Bündnis- und Schutzabkommen mit
den einheimischen Herrschern war die EIC in die inneren Konflikte verwickelt
und mußte Stellung beziehen. Englische Gouverneure, wie z.B. Richard Lord
Mornington, schafften es bis 1818 auf eigene Faust, große Teile Indiens in
britische Gewalt zu bringen und die formal selbständig gebliebenen Fürstentümer
mit Bündnisabkommen an England zu binden. Generalgouverneur Lord Dalhousie
betrieb nach einer Festigungsphase wieder eine systematische Expansionspolitik
(1848 - 1856) und gewann neue Gebiete für den britischen Herrschaftsbereich. Am
1.11.1858 übernahm die britische Krone endgültig die Regierung in Indien,
nachdem ein indischer Aufstand (The Mutiny) von englischen Truppen
niedergeschlagen wurde. Der Aufstand war eine Reaktion auf die erstarkte
Expansions- und Modernisierungspolitik der Briten. Ab diesem Datum hatte die
EIC keine Macht mehr in Indien. Ein britischer "Vizekönig" übernahm
die Funktion des abgesetzten und nach Birma verbannten Mogul - Kaisers.
Das
Mogulreich in Indien
Seit Beginn des 17. Jahrhunderts
herrschte in Indien die türkische Dynastie der Mogule. Nachdem sie von Norden
aus Afghanistan in Indien eingedrungen waren, besiegten sie 1526 unter Babur,
dem Herrscher von Kabul, den Sultan von Delhi. Im 16. Jahrhundert brachte der
Großmogul Akbar (1556 - 1605) die gesamte nördliche Hälfte des Subkontinents
unter seine Kontrolle. Die neuen Herren waren persisch sprechende Muslime und
beherrschten die hinduistische Bevölkerung. Deshalb betrieb - auch seiner
eigenen Überzeugung entsprechend - Akbar eine tolerante Religionspolitik. Akbar
strebte eine straffe Zentralisation der Verwaltung an, um ein starkes Reich
aufzubauen. Sein Reich war in 12 Provinzen, diese wiederum in Distrikte und
Unterdistrikte gegliedert. Die wichtigste Funktion der Beamtenschaft, die
gleichzeitig auch militärisch ausgebildet war, war die Durchführung einer
effektiven Steuererhebung. Dieses System war gekennzeichnet von einem labilen
Gleichgewicht von Zentralisierung und Dezentralisierung. Gleichzeitig mit dem
Gipfelpunkt des Mogulimperiums während der Regierungszeit des Großmoguls
Aurangzeb (1658 - 1707), begann auch der Zerfall des Mogulreichs. Zwar hatte
Aurangzeb durch seine systematische Expansions- und Zentralisierungspolitik
fast den gesamten indischen Subkontinent unter seine Kontrolle gebracht, doch
durch die Aufgabe der toleranten Religionspolitik seiner Vorgänger wuchs der
Widerstand in der Bevölkerung. Aurangzeb führte einen gegen den Hinduismus
gerichteten Kurs : die Kopfsteuer für Nichtmuslime wurde wieder eingeführt. Da
Aurangzebs Beamtenschaft korrupt war, und sich aus der Staatskasse
bereicherten, konnte der Norden und Süden nicht stabil miteinander verklammert
bleiben. Die Nachfolger Aurangzebs nach seinem Tod 1707 waren nicht mehr in der
Lage das Riesenreich zusammenzuhalten. Von Norden her fielen Afghanen und
Perser in das Reich ein. Da die Mogule sich ausschließlich als Landmacht
verstanden, und demnach auch nicht über Seestreitkräfte verfügten, war es für
die Europäer kein Problem, sich in den indischen Hafenstädten niederzulassen.
Außerdem wurden die wenigen indischen Handelsschiffe oft von europäischen
Schiffen überfallen, es sei denn, daß sie einen Geleitbrief der Engländer,
Portugiesen oder Holländer bei sich führten.
Britische
Herrschaft über Indien
Nach dem Ende der Herrschaft der
EIC über Indien 1858 übernahm die britische Regierung die Kontrolle über den
indischen Subkontinent. Erstmals übte nun eine dünne weiße Oberschicht
Herrschaft über eine farbige Bevölkerung aus. Das führte dazu, daß die Europäer
die farbigen Rassen als minderwertig und barbarisch ansahen. Die Europäer sahen
sich in der Rolle der Missionare. Indien war nicht nur wirtschaftlich wichtig
für England, sondern diente die große indische Armee der Sicherung und
Ausdehnung britischer Herrschaft. Die britischen Kolonien in Afrika sicherten
die Seewege nach Indien. Da eine direkte Machtübernahme jedoch zu kostspielig
werden würde, war die britische Krone daran nicht interessiert. Der Vorsprung
Englands bei der Produktion industrieller Massenwaren und die Beherrschung
überseeischer Handelswege konnten genutzt werden, den Freihandel zu realisieren
und so, den Wohlstand in England zu sichern. England expandierte zunächst in
weitere überseeische Gebiete, indem sie schwächere Staaten zwangen, mit ihnen
Freundschaftsverträge abzuschließen.